Mit dem Referendum über den Verbleib des Vereinigten Königreichs Großbritannien in der Europäischen Union (EU) haben die britischen Bürger am 23. Juni 2016 entschieden, dass das Vereinigte Königreich aus der EU ausscheiden wird („Brexit“). Die konkreten Folgen des Brexit hängen von den Ergebnissen der Austrittsverhandlungen ab, in denen zu klären sein wird, in welcher Form bzw. in welchem Umfang das Vereinigte Königreich weiterhin Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten wird und inwieweit sich Einschränkungen der vier Grundfreiheiten des Binnenmarktes der EU (freier Warenverkehr, Personenfreizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit und freier Kapital- und Zahlungsverkehr) ergeben werden. Gemessen am Handelsvolumen ist das Vereinigte Königreich fünfwichtigster Handelspartner Deutschlands. Darüber hinaus haben rund 2.500 deutsche Unternehmen verbundene Gesellschaften in Großbritannien.

Auswirkungen der Brexit-Entscheidung auf die Rechnungslegung

Das Brexit-Votum muss nicht zwingend zu bilanziellen Konsequenzen für deutsche Unternehmen führen. Die Auswirkungen auf die Rechnungslegung sind vielmehr abhängig vom Umfang der wirtschaftlichen Beziehungen und Verflechtungen der Unternehmen mit Großbritannien. Erste Brexit-Auswirkungen und Unsicherheiten können sich u. U. bereits heute in angepassten Unternehmensplanungen wiederfinden. Unternehmerische Planungen stellen wiederum sowohl nach HGB als auch nach IFRS bspw. die Grundlage für die Ermittlung einer Reihe von Bilanzwerten dar. Zu nennen sind hier insbesondere die Ermittlung eines Wertminderungsbedarfs von Vermögensgegenständen des Anlagevermögens, wie z. B. eines Geschäfts- oder Firmenwertes, bei der Bewertung von immateriellen Vermögensgegenständen oder auch Beteiligungen auf Basis von Ertragswert-bzw. Discounted-Cashflow-Verfahren. Die finanziellen Überschüsse bzw. Cashflows basieren hierbei auf den unternehmerischen Planungsrechnungen. Gleiches gilt für die Prüfung der Werthaltigkeit aktiver latenter Steuern, insbesondere der Werthaltigkeit aktiver latenter Steuern auf steuerliche Verlustvorträge.  

Im Extremfall können Einschränkungen der europäischen Grundfreiheiten im Verkehr mit dem Vereinigten Königreich nach dem Brexit Änderungen von Geschäftsmodellen erzwingen. Sollten Anpassungen des Geschäftsmodells oder Umstrukturierungen geplant sein, hat sich das Unternehmen u. U. auch mit der Bilanzierung von Restrukturierungsrückstellungen auseinanderzusetzen.

Direkte Auswirkungen auf die Werthaltigkeit von (nicht nur britischen) Wertpapieren können sich aus der Volatilität auf den Aktienmärkten oder Unsicherheit auf den Kapitalmärkten ergeben. Darüber hinaus können ein Nachfragerückgang oder Bonitätsprobleme britischer Kunden in Einzelfällen außerplanmäßige Abschreibungen von Forderungen oder Vorratsvermögen notwendig machen.

Aufgrund des starken Kursrückgangs des GBP gegenüber dem EUR werden sich u. U. Unternehmen mit wesentlichen Handelsaktivitäten im Vereinigten Königreich verstärkt gegen Schwankungen des Wechselkurses GBP / EUR mittels des Einsatzes von Währungskurssicherungen absichern wollen. Für diese Unternehmen könnte vor diesem Hintergrund mehr als bislang die Bildung bilanzieller Bewertungseinheiten von Interesse sein. Die Bildung von Bewertungseinheiten ist jedoch mit gewissen Dokumentationsvoraussetzungen verbunden und bedarf somit eines gewissen Know-hows.

Auswirkungen auf die Berichterstattung im (Konzern-) Lagebericht

Das Brexit-Referendum kann bereits heute Auswirkungen auf die Berichterstattung im (Konzern-) Lagebericht haben. Auch hier wird die erforderliche Berichterstattung abhängig vom jeweiligen Geschäftsmodell und vom Umfang der Geschäfte des Unternehmens mit Vertragspartnern im Vereinigten Königreich sein.

Mögliche Berichtspflichten werden sich vermutlich für eine Vielzahl von Unternehmen im Wirtschaftsbericht ergeben, in dem auf die gesamtwirtschaftlichen und branchenbezogenen Rahmenbedingungen einzugehen ist. Zu den Rahmenbedingungen können auch die mit dem Brexit-Votum hervorgerufenen Unsicherheiten auf den Märkten sowie die bereits sichtbaren makroökonomischen Entwicklungen zählen.

Im Lagebericht ist die voraussichtliche Entwicklung mit ihren wesentlichen Chancen und Risiken zu beurteilen und zu erläutern. Der Prognosebericht zur voraussichtlichen Entwicklung basiert dabei grundsätzlich auf den unternehmerischen Planungsrechnungen. Die hier unterstellten Annahmen (Wirtschafts- und Branchenentwicklungen, Wechselkurse und erwartete Sondereinflüsse) können vom Brexit beeinflusst sein. Der Risikobericht um-fasst u. a. Angaben zu den einzelnen Risiken sowie eine zusammenfassende Darstellung der Risikolage. Sofern wesentliche Einflüsse aus dem Brexit zu erwarten sind, kommt eine Erläuterung der betreffenden Risiken in Frage – dies gilt selbstverständlich auch für Chancen, die sich möglicherweise aus dem Brexit für das Unternehmen im Rahmen der Chancenberichterstattung ergeben.

Ausblick auf Abschlüsse 2016

Ob die Brexit-Entscheidung bereits konkrete Auswirkungen auf die Konzern- und Jahresabschlüsse 2016 haben wird, wird stark von den tat-sächlichen Geschäftsbeziehungen mit Großbritannien und den individuellen Einschätzungen der Unternehmen abhängen. Zu erwarten sein wer-den jedoch zumindest Aussagen in (Konzern-)Lageberichten, die die entsprechenden Einschätzungen wider-spiegeln. Die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) hat zumindest bereits angekündigt, dass die Auswirkungen der Brexit-Entscheidung auf einzelne Unternehmen ein Prüfungsschwerpunkt 2016 sein werden – betroffen sind hier kapitalmarktorientierte Unternehmen.